Die Einzigen

Die Einzigen

Roman

Erschienen am 15.09.2014
304 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-8270-1253-1
€ 19,99 [D], € 20,60 [A], sFr 26,90
Lieferzeit 2 Werktage

Ein großer Roman über Musik und die Liebe

Norbert Niemann zählt zu den provokativsten und kraftvollsten Erzählern unserer Zeit. Wie kein anderer nimmt er mit seinen Ausführungen zur unwiderstehlichen Macht der Musik das Ganze unserer Gegenwart in den Blick. »Die Einzigen« ist ein monumentaler Künstler- und Liebesroman – durchdringend, klug und sehr unterhaltsam.

 

Marlene Krahl lebt für die Musik. Ihre Kompositionen und Forschungen im Bereich der elektronischen Avantgarde beanspruchen sie mit Haut und Haar, als ihr früherer Bandkollege Harry Bieler sie nach Jahren unverhofft in Venedig wiedertrifft. Noch immer ist er fasziniert von ihr als Frau und Künstlerin. Gegen seine Zweifel setzt sie Entschiedenheit. Er sucht Zugang zu ihren Sphären, will ihr Förderer und Geliebter werden und holt sie nach München zurück. Ihr kompromissloser Kunstwille gibt ihm die Kraft, das familieneigene Unternehmen radikal neu zu erfinden. Doch mit dem wachsenden Erfolg kommt auch die Frage ans Licht, wozu er führt. Und was noch bleibt, wenn sich die Zeiten ändern? Mit »Die Einzigen« gelingt Norbert Niemann ein virtuoser Roman über die unbedingte, lebensdurchdringende Kraft von Kunst und Liebe in Zeiten des entfesselten Marktes.

Norbert Niemann

Norbert Niemann

Norbert Niemann, 1961 in Niederbayern geboren, studierte Literatur, Musikwissenschaft und Geschichte. Für seinen ersten Roman »Wie man’s nimmt« (1998) erhielt er den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. 2001 erschien sein zweiter Roman, »Schule der Gewalt«, sowie 2008 der für den deutschen Buchpreis nominierte Roman »Willkommen, neue Träume«. Seit 1997 lebt er als freier Schriftsteller in Chieming am Chiemsee.

0 Buchblog: Veröffentlicht am 18.12.2014 - 00:00 von Berlin Verlag

Interview mit Norbert Niemann

Im Herbst haben wir ein Interview mit Norbert Niemann in täglichen Episoden veröffentlicht. Zum Jahresende:

Alle Fragen, alle Antworten auf einen Blick


Frage: Zu Beginn des Romans erscheint Harry Bieler auf der falschen Beerdigung. Symptomatisch für Bieler, der im Roman allzu oft dort auftaucht, wo er gar nicht hin will?

 

Norbert Niemann: Finden Sie? Ist mir selbst so gar nicht bewusst gewesen. Das ist natürlich eine mögliche Lesart. Ich denke aber normalerweise nicht in symbolischen oder metaphorischen Zusammenhängen, bei mir stehen [...]

0 Buchblog: Veröffentlicht am 20.05.2015 - 11:17 von Berlin Verlag

Träger des Carl-Amery-Literaturpreises 2015

Norbert Niemann ist Preisträger des Carl-Amery-Literaturpreises 2015

Die Preisverleihung findet am 20. Mai 2015, 20.00 h, im Literaturhaus München statt. Die Laudatio hält Tilman Spengler.

Die Jury, bestehend aus Dr. Martin Hielscher, Dr. Thomas Kraft, Dr. Susanne Krones und dem letzten Preisträger Ulrich Peltzer, begründet ihre Wahl wie folgt:

„Der Schriftsteller Norbert Niemann ist einer der profiliertesten Analytiker der Gegenwart. In seinen Romanen, Essays und Kommentaren verschränkt und befragt er mediale Realität und Alltagsgeschehen auf kritische Weise. Stets auf der Höhe der Zeit [...]

0 Buchblog: Veröffentlicht am 23.01.2015 - 00:00 von Berlin Verlag

Jazz, New Wave etc. – Norbert Niemann auf Facebook

niemann.png

Im Herbst 2014 hat Norbert Niemann eine Woche lang auf dem Facebook-Kanal des Berlin Verlags unter dem Hashtag #niemann über musikalische und literarische Einflüsse gesprochen.

Hier haben wir alle Beiträge gesammelt:

https://www.facebook.com/berlinverlag.bv/posts/922709647742591

https://www.facebook.com/berlinverlag.bv/posts/922740551072834

https://www.facebook.com/berlinverlag.bv/posts/922838304396392

https://www.facebook.com/berlinverlag.bv/posts/922847587728797

https://www.facebook.com/berlinverlag.bv/posts/923120317701524

https://www.facebook.com/berlinverlag.bv/posts/923233 [...]

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Medien

Kommentierte Playlist zu DIE EINZIGEN

von Norbert Niemann



„Die Einzigen“ ist auch ein Roman über Musik. Bei den Recherchen zum musikalischen Kosmos Marlene Krahls haben mich die Arbeiten vieler Tonkünstler inspiriert, die in den vergangenen hundert Jahren mit neuen Ästhetiken und nicht zuletzt mit Elektronik experimentierten.


Die New-Wave-Band mit dem Namen „Die Einzigen“, in der Marlene Krahl, Sellwerth und Harry Bieler in den achtziger Jahren gespielt haben, ähnelt in vielen Aspekten der Band „Diebe der Nacht“, mit der ich selbst damals aufgetreten bin. Im Roman erinnert sich Harry immer wieder an die Zeit damals:



„Nach wenigen Takten lag ihm wieder jeder Ton in den Fingern. Das Schema, nach dem sie sich übers Griffbrett hatten, steckte noch in ihnen. Es war, als tanzten die Phantasien Sellwerths immer noch auf dem Fundament seiner schwerfällig mäandernden Läufe. Fast kam es ihm vor, als spiele er selber, als hinge das Instrument wieder um seinen Hals. Auf der Zarge ruhte der rechte Unterarm, der Wechselschlag marschierte. Als wäre er es, der den Einfällen Sellwerths folgte, ihnen den Boden bereitete, manchmal behutsam vom Schema abwich, die Dynamik der Linien unterstützte, aufgriff, fortführte, als fände das intuitive Gespräch zwischen ihnen immer noch statt.“




Die Zeile „Es ist deine Haut, es ist meine Haut“ im Refrain des Songs „Deine Haut“ ist im Roman zum Reklameslogan für Harrys Seifenfirma geworden.



Elektronische Mittel kamen noch wenig zum Einsatz. In „Hochsicherheitstrakt“ arbeitete ich auf meiner Halbresonanzgitarre hauptsächlich mit Rückkopplungseffekten:





Marlenes Auftritt mit dem elektronischen Kästchen wurde von einem Konzert 2004 von Hans W. Koch und dem portugiesischen Gitarristen Manuel Mota im Berliner „Ausland“ angeregt. Harry hört zum ersten Mal nach ihrem Kompositionsstudium Musik von ihr.



„Plötzlich stand sie am Bühnenrand, er hatte gar nicht mitbekommen, wie sie dort hingelangt war, hielt eine silbern glänzende Box zwischen den Fingern, legte einen Hebel um. Er fuhr auf. Ein unangenehmer Ton schrillte, legte sich über die Rhythmen aus den Lautsprechern. Marlene begann das metallene Ding behutsam auf und ab zu bewegen. Der Ton wurde höher, tiefer, höher, tiefer. Ihr Oberkörper geriet in ein leichtes Schaukeln. Die Lautstärke schwoll an, ab, an. Die Hand mit dem Kästchen malte Kreise, Schlaufen, Ellipsen, Spiralen, etwas Ähnliches wie eine Melodie entspann sich. Harry war irritiert, auch ein wenig enttäuscht. Es berührte ihn unangenehm, dass er im Grunde nichts damit anfangen konnte.“ (Seite 30f.)



Hans W. Koch verwandelt akustische Maschinen gerne wieder zurück in „Instrumente“, d.h., statt einfach nur durch Knopfdruck Klänge in Gang zu setzen, arbeitet er mit mechanischen Manipulationen. Clips von Kochs Kästchen-Musik habe ich im Netz nicht gefunden. Aber ein anderes schönes Beispiel für Maschinen-Instrumente ist sein Bandoneonbook, wo durch eine Art Pumpbewegung des Laptop-Monitors Töne modifiziert werden.


Auch als Laptop-Orchester:








Bei Harrys Venedig/Mestre–Besuch spielt Marlene auf einem Theremin:


„Der Ton folgte den Händen, ohne dass diese den Apparat berührten, schien unmittelbar aus ihren Bewegungen zu entstehen. Es sah aus, als dirigiere sie ein Gespenst, aus dessen unsichtbarem Mund Geistergesang drang. Die flach ausgestreckte linke Hand flatterte neben dem Seitenbügel, die Finger der rechten krampften bizarre Figuren in die Luft. Offenbar beeinflusste die Distanz zu den Metallstiften den Klang, regulierte die Lautstärke, modulierte die Höhe dieses elektronischen Jammertons, der langsam zu einem Heulen anschwoll.“ (Seite 54)




Das Theremin ist eines der ältesten elektronischen Instrumente, entwickelt von dem Russen Lew Sergejewitsch Termen (später in den USA: Leon Theremin) im Jahr 1919. Es ist auch das erste Instrument, das ohne körperliche Berührung gespielt wird. Marlene führt Harry ihre Kompositionsversuche auf einem historischen Instrument vor. (Foto hier).




Diese Aufnahme zeigt den Erfinder selbst an seinem Instrument:

Hier – wie auch bei den unterhaltsamen „Lessons“ des Thereministen Thomas Grillo – ist die Spieltechnik (und Körpersprache) noch ganz dem Klangideal klassischer Orchesterinstrumente verpflichtet, sehr gut zu sehen auch bei der Vokalise von Sergej Rachmaninoff in einem Arrangement für Theremin und Piano (ebenfalls in einer Interpretation von Thomas Grillo):





Ein Beispiel für zeitgenössische Theremin-Musik ist Pamelia Kurstin mit eher sprödem gestischen Einsatz:





Marlenes Spiel sieht anfangs so aus:

„Sie wand sich, als sei sie in einem Spinnennetz gefangen, als kämpfe sie mit einem Kokon, der sich nach jedem Zerreißen sofort neu bildete. Wie Haken fuhren ihre Finger in den Stoff, zerrten daran, rissen Löcher, weiteten die Löcher, rutschten ab, verhakten sich abermals, während Marlene mit der anderen Hand das Gewebe wegdrückte, das sich immer wieder um sie zusammenzog. Sie wollte sich befreien, aber das Gewebe war stärker.“ (Seite 54)




Dass auf dem Theremin auch mit einer ganz anderen Körpersprache gespielt werden kann, zeigt Jimmy Page, der das Instrument im Mittelteil des Rock-Klassikers Whole lotta love verwendet. Hier ist Page ebenfalls am Theremin zu sehen:




Auch Marlene gestisches Repertoire ändert sich:
„Das Jaulen war in ein Dröhnen übergewechselt, es überschlug sich. Marlene fixierte ihn nach wie vor, aber jetzt mit einem Lächeln. Die Wangen dunkelrot vor Anstrengung, die gespreizte rechte Hand erhoben, holte sie aus, schnellte den Arm mit voller Wucht nach vorne, riss ihn sofort wieder nach oben. Es sah aus, als schleudere sie eine Kugel von großem Gewicht von sich, die jedoch umgehend zurückgeschossen kam, mit letzter Kraft von ihr abgefangen wurde. Ein Bein zurückgestellt, als stünde sie in einem Boxring, hämmerte sie mit der Faust ein auf diese Wand aus Nichts, warf sich ihr entgegen, während ihre andere Hand den Bügel umklammerte, ihn nicht mehr losließ, während die Töne schrillten und schäumten.“ (Seite 55)


Im Büro, dem sogenannten „Kommandobunker“, hört Harry Karl Heinz Stockhausens Telemusik von 1966 auf dem CD-Player:



Angeregt wurde die Szene ursprünglich von der elektronischen Stockhausen-Komposition Cosmic Pulses von 2007 und ihrer galaxisförmigen Partitur (der Clip ist damit bebildert), die mich auf die Idee des akustischen Tunnels brachte. Ich konnte jedoch Cosmic Pulses nicht verwenden, weil das Stück erst mehr als ein Jahrzehnt nach der erzählten Zeit entstanden ist.


„Wie am Morgen im Auto versetzten ihn die künstlichen Klänge sofort wieder in diese Röhre. Harry spürte ihre hautartige Wand. Eine Art Schlauch von gewaltigen Ausmaßen umschloss plötzlich Himmel und Erde. Der Raum vor ihm streckte sich kanalförmig ins Endlose. Hinter ihm klaffte dieselbe Endlosigkeit. Von beiden Seiten brausten die elektrischen Winde. Sie rauschten auf ihn zu, über ihn hinweg, mitten durch ihn hindurch. Dann pfiffen Böen kreuz und quer, zurückgeworfen von der Haut des Tunnels. Dann schwappte metallisch ächzend eine Klangwoge über ihn hinweg, gefolgt von Schwärmen wuseliger Tonkrümel. Stimmen flackerten, Bruchstücke von Sätzen, Wörtern, Lauten, Fetzen von Melodien exotischer Instrumente. Sie wehten aus unermesslichen Fernen. Als könnte der Moment des Erklingens niemals aufhören in den Schlaufen und Knäueln dieses akustischen Universums, das sich ins sichtbare Universum schmiegte, offenbar ohne den Gesetzen der Zeit zu gehorchen, um jeden, der dazu bereit war, unmittelbar an einer immerwährenden Gegenwart teilhaben zu lassen.“ (Seite 98f.)


Später fand ich dieses Video mit John Cages Music for Marcel Duchamp zu einem Film-Fragment Duchamps, das meiner Tunnel-Assoziation sehr nahe kommt.


Ein weiteres schönes Beispiel für die Visualisierung von elektronischer Musik ist auch György Ligetis Artikulation von 1958, synchronisiert mit der „Hör-Partitur“ von Rainer Wehinger:



 


Marlene erzählt Harry von Wechselwirkungen zwischen E- und U-Musik, von außereuropäischen und historischen Einflüssen auf die Musik des 20.Jahrhunderts.


„Von jedem Komponisten, den Marlene nur beiläufig, besorgte er sich sämtliche Aufnahmen, die er kriegen konnte, wie besessen hörte er sich bei jeder Gelegenheit durch seine wuchernde CD-Sammlung.“ (Seite 97)


So korrespondiert laut Marlene die repetitive Strophenform in Bob Dylans Hard Rain von 1963  mit Steve Reichs Tonband-Studie It’s gonna rain von 1965:



Die Xylophon-Passagen in Paul Hindemiths Kammermusik Nr.1 von 1922 nehmen die Marimba-Einlagen der Mothers of Invention vorweg, etwa in Frank Zappas Aproximate von 1974:


„Doch insgesamt blieb ihm die Welt der musikalischen Avantgarde fremd. Solange sie auf entfernt Vertrautes verwies, und sei nur durch  Anklänge ans Mittelalter wie in Igor Strawinskys Messe, an Japanisches wie in Hans Werner Henzes Tentos für Gitarre oder an balinesische Musik wie bei den frühen Stücken für präpariertes Klavier von John Cage fand sein Ohr halbwegs Halt. Selbst Olivier Messiaens Adaption von Vogelstimmen rettete in einigermaßen durch das Chaos der Höreindrücke. Doch bei Pierre Boulez, Morton Feldman oder dem späten Cage verirrte er sich heillos zwischen den Tönen, die für ihn ohne jeden erkennbaren Zusammenhang blieben.“ (Seite 98)


Als Harry beim Frühstück über den Umbau seiner Firma Bielers Seifen und Lotionen zu einem zeitgemäßen Unternehmen nachdenkt, hört er drei von Conlon Nancarrows Studies for Player Piano.


„Auf den schrägen US-Amerikaner, der seine Existenz darauf verwendet hatte, Löcher in Papierstreifen für selbstspielende Klaviere zu stanzen, war er natürlich durch Marlene aufmerksam geworden. Seine Stücke hörten sich an, als spielte ein durchgeknallter, mit mindestens fünf Händen ausgestatteter Barpianist um sein Leben.“ (Seite 130)


:


Study No.10 torkelte zwischen orientalischen Skalen, Clusterakkorden und Blue Notes. Als würde der Geist ihres Schöpfers selbst zwischen den Patterns zerrieben, die er benutzte. Je weiter Nancarrow seine Studien vorangetrieben hatte, desto weniger konnte überhaupt noch von Patterns die Rede sein. Exakt darum schien es bei ihm zu gehen.“ (Seite 134)


Study No.11 klang jetzt wie mit Eisenschlägern auf Eisenstangen getrommelt. Es fühlte sich an, als kratzten Drahtstifte über Harrys Cortex. Nancarrow habe den Filz auf den Hammerköpfen der Klaviere entfernt, wusste Marlene, sie später durch Leder ersetzt, weil ihm ohne Dämpfung ständig die Saiten rissen.“ (Seite 137)


Nancarrows Einfluss auf den späten György Ligeti, der ihn für den wichtigsten Komponisten der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts hielt und den damals siebzigjährigen Einzelgänger Mitte der Achtziger nach Europa holte,  ist seinen Klavieretüden deutlich anzuhören. Die Etüde Nr.1, Desordre, ist eines der Stücke, die Marlene später im Roman extrem verlangsamt ständig auf dem Klavier spielen wird:





Für Marlenes elektronischen Anzug gibt es keine direkten Vorbilder.


„Zuerst sieht er das runde, von einer engen Kapuze gerahmte Mondgesicht. Grauer Stoff bedeckt Stirn und Hals. Unter dem Gewebe zeichnen sich die Ohren ab. Ihr ganzer Körper steckt in einem Overall aus demselben grauen, matt schimmernden Material. Sogar die Füße, die Hände sind umhüllt. Grobe Nähte aus schwarzem Garn ziehen sich die Schultern entlang, an den Seiten hinunter, kreuz und quer über die Brust. Die Aufmachung hat etwas von einem Faschingskostüm als Zombie, einem Raumanzug, sie ist eine Mischung aus beidem. Um die Hüften, unter den Achseln plumpe Wülste, an den Armen, den Schenkeln überstehende, ausgefranste Ränder. Die Wangen zeigen roten Flecken, die Poren sind vergrößert, die Zähne wirken gelblich. Eine silberne Flosse will seine Schulter berühren. Er weicht ihr aus. Schwerfällig wendet sie sich um, stakst mit ungelenken Schritten zur Studiotür. Die Montur wird offenbar von den breiten Klebebändern zwischen den Schulterblättern zusammengehalten. Über dem Steiß wackelt als Schwänzchen ein kleiner zylindrischer Stutzen.“ (Seite 190)


Anregungen fand ich z.B. bei Wayne Siegels Digital Dance Project von 1996 – 1999 mit dem DIEM Digital Dance System, bei den Hands von Michael Waisvisz oder bei Laurie Anderson:




Die Crackle Box wurde in den siebziger Jahren ebenfalls von Michael Waisvisz entwickelt.


„Jetzt fing das Fiepen von neuem an. Gus strich mit den Fingerspitzen über ihren Handrücken, die Außenseiten der Gelenke, fuhr zwischen ihre leicht gespreizten Finger, stupste die Nägel an. Das Kästchen kommentierte offenbar die Berührungen mit diesen schrillen Lauten, jeder Kontakt variierte den Ton ein wenig, machte ihn höher, tiefer, länger, kürzer. Aus der Nähe klang es fast wie Vogelzwitschern.“ (Seite 209)

„Soweit er begriff, entstand ein Stromkreis, sobald der Feuchtigkeitsfilm von Gus‘ Haut mit dem von Marlenes Haut zusammenkam. Der dann offenbar diese Klänge erzeugte. Diesmal erwiderte sie die Berührungen ihres Lehrers. Vorsichtig legte sie ihre Fingerkuppen auf seine Knöchel, fing an zu tippeln, einzeln auf ihnen herumzuklopfen, als wären sie die Tasten eines Instruments. Aus dem Knarzen, das sie zur Antwort bekam, wurde allmählich ein anhaltendes Prasseln, als sie immer schneller, immer enthemmter seine Knochenhöcker betrommelte. Bis Gus die Hand unter ihrer wegzog.“ (Seite 210)




Für das Chris Cunningham-Kapitel habe ich zwei Aphex Twin-Videos benutzt: Come to daddy und Rubber Johnny.


„Sobald er dann in die Pedale trat, kam es ihm vor, als würde er in die Szenerie des Films hineinfahren, im nächsten Moment tauchte er auch schon aus der Unterführung hervor, mit der die Kamerafahrt einsetzte. Schwarz verfärbter Beton glitt vorüber, gab den Blick frei auf die schäbige Fassade eines Mietblocks. Seine Augen waren jetzt Cunninghams Kamera, noch funkten Fremdsender Störbilder auf den Monitor dieser artistischen Überwachungsanlage, Logos wischten durchs Sichtfeld, Schriftzüge schienen auf, rötliches Licht flackerte hinter fleckigem Glas und verlosch, während er weiterfuhr, tiefer in diese Gegenschicht seines Ichs eintauchte, er ließ die Stadt hinter sich, das Land, den Kontinent, setzte über, in Sekunden war er drüben angelangt, was war das?, wo?, aus schiefen Blickwinkeln scrollen Fensterfronten abwärts, das Kameraauge zoomt den Platz heran, zoomt auf den brüchigen Asphalt, auf Sperrmüll, der zwischen Pfützen gammelt.“ (Seite 249)


Marlenes implantierte Mikroprozessoren sind frei erfunden.


Gegen Ende des Romans beschäftigt sich Marlene mit der Ars Subtilior, die im 14.Jahrhundert die Ars Nova ablöste.


„Harry hatte in letzter Zeit überhaupt häufiger an Nancarrow gedacht, an die Ähnlichkeiten zwischen den beiden, wenn er Marlene mit den Ars-Subtilior-Handschriften beschäftigt sah, diesen Kompositionen aus dem ausgehenden Mittelalter, die metrisch so vertrackt waren, dass sie teilweise gar nicht aufgeführt werden konnten. Marlene hatte ihm einige der erstaunlichen Faksimiles gezeigt, Partituren in Kreis-, Harfen-, Herzform, die Noten in mehreren Farben gehalten und mit Doppelhälsen und Fähnchen versehen, die Notenköpfe hohl oder halb- oder viertelgefüllt, eine Musik, die ähnlich wie die Körperklänge Marlenes schon vor über fünfhundert Jahren die Grenze zur Unhörbarkeit überschritten zu haben schien. Sie übertrug deren polyrhythmische, synkopierte, ständig mit Mensurwechseln versehene Architektur auf den Rechner, um sie irgendwann mithilfe irgendwelcher Maschinen vielleicht doch zum Erklingen zu bringen, ein Unternehmen, das ihm durchaus verwandt vorkam mit Nancarrows Methode, der mit Zirkel und Lineal komponiert hatte.“ (Seite 296)


Handschriften und Tonbeispiele zur Ars Subtilior finden sich hier.


Marlene zeigt Harry außerdem Videoclips der britischen Band Micachu and the Shapes, die sie für sich entdeckt hat.


Die Band bestand aus zwei Mädchen und einem Jungen, die wie halbe Kinder aussahen und mit Haushaltsgeräten, verstimmten Gitarren, Schlagzeug und Elektronik schräge Popsongs intonierten. So ähnlich würde es vielleicht klingen, wenn wir heute anfingen, Musik zu machen, sagte sie. Wenn wir noch einmal jung wären.“ (Seite 294)


Micachu and the Shapes, Lips:



Micachu and the Shapes, You know:



Vgl. auch Micachu and the Shapes and London Sinfonietta – LOW DOG

Rezensionen und Pressestimmen

Wochenspiegel


»Der Bassist Harry Bieler hingegen ist mit dem wachsenden Erfolg mit der Frage konfrontiert, wohin dieser führt. Und was ihm bleibt, wenn ich die Zeiten ändern.«   

Bayrisches Fernsehen "LeseZeichen"


»'Die Einzigen' ist ein richtig guter Roman, spannend zu lesen, die vielen Reflexionen über Kunst und Gesellschaft bremsen nicht, sondern bereichern, und da ist noch ein Schluss, der überrascht und einleuchtet.«   

mechernich.de


»Neben der Liebesgeschichte zwischen Harry und Marlene und der Unvereinbarkeit von Lebensentwürfen geht es Norbert Niemann in seinem Roman auch um das Diktat des kommerziellen Erfolgs.«   

Passauer Neue Presse


»In 'Die Einzigen' rechnet der gebürtige Landauer mit seiner Generation ab, die sich lieber dem Markt und dem Konsum hingibt, als nach künstlerischen Freiräumen zu suchen.«   

Bayerischer Rundfunk 2


»Ein Roman über die Liebe, vor allem aber ein Roman über die Rolle von Kunst in Zeiten eines entfesselten Marktes. Ein Roman darüber, wie sich unsere Welt seit den 80er Jahren verändert hat und wie sich auch die Rolle von Kunst und Kultur verändert haben.«   

Süddeutsche Zeitung


»[ein] kluger Desillusionsroman«   

NDR Kultur "Neue Bücher"


»Norbert Niemanns keineswegs nostalgischer Roman [verteidigt] einen Grundsatz der Aufklärung, der nach wie vor aktuell ist: Wir sollen Mut haben, uns des eigenen Verstandes zu bedienen.«   

Deutschlandradio "Lesart"


»Niemann zeigt sehr differenziert die wirtschaftlichen und kulturellen Prozesse der letzten Jahre. Die Sätze stimmen, die Interieurs, die Atmosphäre. Und vor allem auch die Geheimnisse.«   

Kommentare zum Buch
1. Rezension "Die Einzigen"
Stefan Hetzel am 10.08.2015 - 18:54:55

@berlinverlag: Meine Rezension des Romans "Die Einzigen" findet sich hier auf meinem Blog "Weltsicht aus der Nische":   https://stefanhetzel.wordpress.com/2015/01/07/ein-gesellschaftsroman-norbert-niemanns-die-einzigen/

2. Rezension "Die Einzigen"
Stefan Hetzel am 10.08.2015 - 18:54:52

@berlinverlag: Meine Rezension des Romans "Die Einzigen" findet sich hier auf meinem Blog "Weltsicht aus der Nische":   https://stefanhetzel.wordpress.com/2015/01/07/ein-gesellschaftsroman-norbert-niemanns-die-einzigen/

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